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Charles Welti


Eugen Laubacher alias "Charles Welti" hatte als einziger neben Rolf Zugang zur dechiffrierten Adressenkartei der Mitglieder. Von vielen ehemaligen Mitgliedern wird er als die graue Eminenz der Organisation bezeichnet.
Er wurde 1903 geboren und arbeitete als Leiter der Privatbank der Züricher Unternehmerfamilie Boveri, deren Privatvermögen er noch bis ins hohe Alter verwaltete. Durch seine Arbeit war er mit der internationalen High-Society verbunden, so daß er im Kreis ausschließlich unter dem Pseudonym "Charles Welti" auftrat und sich nicht fotografieren ließ. Als Experte regelte Laubacher die Finanzen des Kreis. In dieser Funktion rief er 1954 den sogenannten Baufonds ins Leben, für den Mitglieder durch Spenden "Steine" erwerben konnten. Das gesteckte Ziel, eigene Räumlichkeiten zu erwerben, um nicht weiter auf die Gunst toleranter Vermieter angewiesen zu sein, konnte jedoch nicht erreicht werden. Nachdem der Kreis im Laufe der 60er Jahre immer mehr Abonnenten verloren hatte, war es nicht zuletzt Eugen Laubachers Bilanz, die auf der Mitgliederversammlung im November 1967 das Ende der Organisation besiegelte.
Ab 1943 war Eugen Laubacher verantwortlicher Redakteur des französischen Teils der Zeitschrift, für den er in den Anfangsjahren eigene Texte unter dem Pseudonymen Lucien Borgo und William beisteuerte. Ihm fiel die nicht immer leichte Aufgabe zu, den Bedürfnissen der Westschweizer Mitglieder nach Information aus Frankreich gerecht zu werden und bei ihren Beschwerden über den Überhangan deutschen Beiträgen zu vermitteln.
Auf der Suche nach Autoren knüpfte er Verbindungen zur französischen Homosexuellenszene, vor allem nach Paris. Auf gegenseitigen Besuchen in Paris und Zürich wurden Texte und Informationen ausgetauscht sowie Neuerscheinungen besprochen. Obwohl die von Baudry gegründete Zeitschrift Arcadie keine Abbildungen hatte, ist zu vermuten, daß die zahlreichen Künstler aus Frankreich wie die Zeichner Jean Boullet (1919-960) und Czanara (Pseudonym für Raymond Carrance), die Fotografen Karel (Pseudonym für Charles Egermeier) und Willi Maywald (1907-1985) sowie das Fotostudio Arax über die französischen Freunde an den Kreis vermittelt wurden.
Geschützt durch seine gesellschaftliche Position und seine zurückgezogene Lebensweise, hatte Eugen Laubacher keine Übergriffe der Polizei zu befürchten. So wurden dem Kreis übergebene Abbildungsvorlagen nicht in den Redaktionsräumen der Zeitschrift, sondern in seiner Privatwohnung am Zürichsee aufbewahrt, z. B. die großformatigen Pastellzeichnungen des italienischen Botschafters in Thailand, Bernardino del Boca, mit dem Laubacher befreundet war. Darunter befand sich auch von Rolf als zu eindeutig eingestufte, pornografische Kunst wie die Zeichnungen des Franzosen Scot.

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von Karl-Heinz Steinle
Kurator am Schwulen Museum Berlin
schwulesmuseum@aol.com

aus
Der Kreis: Mitglieder, Künstler, Autoren
von Karl-Heinz Steinle
Rosa Winkel, Berlin 1999
ISBN 3-86149-093-5

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